Im Alter von 14 Jahren verließ Francisco Klinger Carvalho den Ort Óbidos, um die Welt der Kunst für sich zu erobern. Mitten im Amazonasgebiet aufgewachsen, führte ihn sein Weg über Belém do Pará nach Düsseldorf, wo er zur Zeit als DAAD‑Stipendiat an der Kunstakademie arbeitet. ‑ Das gängige Klischee des wissenschaftlichen Forschers, der den Urwald für die Welt der Zivilisation entdeckt, scheint sich in der abenteuerlichen Bildungsreise von Klinger umzukehren, der vom Urwald aus die Zivilisation in der Welt der Kunst für sich entdeckt.
Die beiden in diesen Vorstellungen streng geschiedenen Welten, die ebensosehr Ideologie und Projektion sind, wie diese sich in ihnen manifestieren und im Laufe der Geschichte verkörpert haben, sind Kehrseiten einer diskursiven Wirklichkeit, die sich in der Biographie von Klinger begegnen und in seinem Werk reflektieren, das ebenso wie die Struktur dieser Wirklichkeit nach beiden Seiten hin offen ist.
Ein Boot, das ‑ eingeschlossen in einen Käfig ‑ exponiert wird, ist Metapher für die Trennung zwischen diesen beiden Seiten der Wirklichkeit und gleichzeitig für ihre Verbindung. Der Reisende ist gefangen in seiner Welt, die er als Mittel und Voraussetzung der Reise mit sich nimmt ‑ als Medium, Motiv und Motivation; sie bestimmt sowohl die Perspektive seiner Wahrnehmung als auch die Art und Weise, wie er unter diesen Bedingungen wahrgenommen wird. Denn ist nicht eigentlich eher der Reisende denn das Ziel seiner Begierde das Exotische? Ist nicht er das fremde Wesen, das in einer vertrauten Umgebung exiliert erscheint wie ein seltenes Tier im Zoo? ‑ Egal auf welcher Seite des Käfigs man sich befindet, die Antwort auf die Frage, ob man draußen oder drinnen ist, lautet: ja.
Das, was im durchlässigen Gitter des Käfigs als Struktur einer Begegnung zwischen dem Eigenen und dem Fremden Gestalt annimmt, präzisiert sich im internen Dialog zwischen gewachsenem Material und konstruierter Form. Klinger, der in seinem Werk stets Materialien und Gegenstände wie Lianen, Äste, Lehmwände und Hängematten sowie Techniken einsetzt, die für eine Welt stehen,
in der das Wissen über die Gesetze der Form Erfahrung im Umgang mit dem Ungefähren und das intuitive Talent der Improvisation bedeutet, konfrontiert dies mit dem idealtypischen Kanon geometrisch‑exakter Form, der die Grundlage der Konstruktion ist. Die Reibung zwischen diesen beiden Prinzipien setzt in ihren Abweichungen und ihren Übereinstimmungen ein ungeheueres Potential frei, das sich aus der Begegnung zweier Systeme ergibt, die gleichwohl immer ein und dieselbe Wirklichkeit meinen und übersetzen.