Im Zeitalter von Weltmärkten, von Globalisierung und schneller weltweiter Kommunikation durch Internet und Reisen werden die übergreifenden internationalen Zusammenhänge zwar immer wichtiger und bewußter, aber die nationale oder auch regionale Identität sowie die Bindung an den eigenen Ursprung längst nicht überflüssig. je technologischer und komplizierter, je unpersönlicher und distanzierter unser Leben und unsere Beziehungen im Arbeitsalltag, im Warenaustausch und in der Medienkonkurrenz werden, desto spürbarer wird der Wunsch nach emotionaler Bindung und nach einer klaren persönlichen Positionsbestimmung in einem unübersichtlichen Netzwerk der Weit. Diese Situation beschränkt sich nicht auf bestimmte Kontinente, Nationen oder Länder, sondern prägt das Lebensgefühl vor allem der jungen und mittleren Generation und läßt sie nach Orientierung suchen. Unruhige ständige Mobilität verbunden mit Anonymität auf der einen Seite, Suche nach Bindung und Verwurzelung auf der anderen markieren eine aktuelle Ambivalenz. In der ganzen Welt reagieren vor allem Künstlerinnen und Künstler sehr sensibel auf diese Situation und formulieren aus dem zeitgenössischen Empfinden heraus die entsprechenden Sichtweisen oder Sehnsüchte. Nun werden Künstler selbst zunehmend zu Nomaden, die in der Welt unterwegs sind, hier oder dort haltmachen, hier oder dort für kürzere oder längere Zeit siedeln, überall Impulse aufnehmen und Werke hinterlassen, überall fremd und doch zu Hause sind, und sich dennoch zu ihrem Ursprung, zur Heimat bekennen, von der sie sich nie endgültig abnabeln. Die Realität vom Wander‑ bzw. Weltkünstler ist nicht neu, aber sie hat in unserer Zeit neue Dimensionen, Chancen und Gefahren gewonnen. Da ist der weltweite Austausch der Kulturen, da sind die vielen Befruchtungen, da ist der Toleranz fördernde Umgang mit dem Fremden, da ist das Erlebnis des eigenen Fremdseins und da sind auch die Vermischungen kultureller Ströme zu etwas Neuem, das die einen mit Zufriedenheit und Neugier, die anderen mit Ängsten und Ablehnungen begleiten. Dahinter steht oft die Furcht, die eigenen Traditionen könnten in Vergessenheit geraten, unwichtig werden, und die neuen Impulse könnten in diesem Verdrängungsprozeß die ‑ vielleicht oft nur unterschwellig unerwünschte ‑ Oberhand gewinnen. Hier wird erkennbar, dass Toleranz, Offenheit, und Förderung des Anderen vom eigenen Selbstbewußtsein, von der Sicherheit und der Identität abhängen. Multikulturelle Erfahrungen sind keine undefinierte Masse, sondern haben klare Wurzeln und lassen sich oft auch noch in den Werken deutlich erkennen und bestimmen. Kunst lebt nun einmal vom ständigen Austausch, vom Blick über den Tellerrand hinaus, vom spannenden Verhältnis der Innovation zur Tradition. Die in die Wiege gelegten persönlichen und künstlerischen Eigenheiten hängen mehr als wir denken mit den Hemisphären, mit Kontinenten, Regionen und Vorfahren zusammen, auf deren Wissen und Werken jede Generation weiterbaut. Die eigene kreative Kraft bildet den zeitgenössischen Anspruch, der oftmals mit dem tradierten Kunstbegriff kollidiert, ihn in Frage stellt, verändert, einschmilzt, weiterführt. Diese geradezu normalen Gegebenheiten des internationalen Kunstlebens werden in einem großen und vielschichtigen Land wie Brasilien in besonderer Weise spürbar, weil sich hier der Schmelztiegel der Welt schon auf kontinentaler bzw. nationaler Ebene bemerkbar und erfahrbar macht. Künstler aus solchen Ländern und Regionen haben uns Europäern, die wir jahrhundertelang mit besonderer eurozentrischer Arroganz diesen Kulturträgern begegnet sind, sehr viel voraus: Sie wissen vom engen Miteinander und Ineinander der Kulturen, sie kennen Identitätskrisen aus eigener Erfahrung und sind in besonderer Weise für Impulse und Einflüsse offen.
Die vier vorgestellten Künstler repräsentieren mit ihrer jeweils unverwechselbaren Kunstsprache nicht nur sich selber, ihren eigenen Stil, sondern auch in gewisser Weise das multikulturelle Gesamtbild Südamerikas und insbesondere Brasiliens. Ihre Abstammung oder Herkunft, ihre mentale oder spirituelle Ausrichtung, ihre Vorlieben für Materialien und Techniken sowie Charakteristika der Erscheinungsformen transportieren noch Akzente ethnischer und künstlerischer Zusammenhänge mit anderen Kontinenten und Völkern. So spiegelt diese Ausstellung auf eine sehr typische Weise die gegenseitigen geistigen und künstlerischen Befruchtungen, die nach Brasilien hinein und innerhalb des riesigen Staates Brasilien stattgefunden haben.
In den Arbeiten von Klinger Carvalho begegnen wir dem Urtümlichen, dem Ureinwohner, der Natur, der Tradition des Lebens in Brasilien. Er ist von der Abstammung her ein “caboclo”, ein Mestize aus der Mischung zwischen Indianer und Weißem. Er ist in Öbidos im Amazonasgebiet geboren und lebte dort seine Kindheit. Mit 14 Jahren verließ er den Ort und zog über Belém do Para, einer Stadt mitten im brasilianischen Amazonien, weiter nach Düsseldorf. Jemand der wie er als “Eingeborener” in Volk, Natur und Ursprünglichkeit aufgewachsen ist, kann diese Prägungen und diese Wurzeln des Selbstverständnisses nicht mehr ablegen. Seine Werke belegen, dass diese Einflüsse ihn mit der Materialität, mit der Spiritualität, mit der Traditionsbindung und mit den Empfindungen für Einfachheit und Improvisation ein Menschenund Künstledeben lang begleiten werden. Aus den einfachsten Wuchsformen und Materialien wie Ästen, Lianen, Zweigen, aus Holz, Lehm und Früchten schafft er bodenständig scheinende und doch in weitreichende intellektuelle Kontexte eingebundene Objekte. in ihnen wirken die angeborene Improvisationskunst, die Reduktion der Mittel, das praktische Denken und die geistreiche Erfindungsgabe zusammen und überholen auf einer sozusagen intuitiven Spur die europäische Natur‑Kunst in der Nachfolge der Spurensicherung der 7oer Jahre. Etwas Kraftvolles und Originäres haftet seiner Kunst an, verleiht ihr eine unprätentiöse und vielleicht gerade deswegen besonders effektvo[le Erscheinungsweise. Der auch akademisch tätige und in zwei Kontinenten lebende Künstler verbindet in seinem Schaffen intelligente künstlerische Konzeption, Konstruktion und Komposition mit Emotionalität, Naturnähe und Spontanität. Mit großer Präzision werden die Naturmaterialien zusammengebracht, begegnen sich gewachsenes Material und Formkonstrukt, Intuition und Planung, eigenwi[Iiger Wuchs und Geometrie. In seinen Arbeiten entdecken wir die Schönheit in der Bescheidenheit des Materials, die Klarheit in der Genauigkeit der Arbeit, den mystischen Charakter in den geheimnisvollen Kontexten sowie Existenzsicherung und Erdgebundenheit im Sinne eines künstlerisch verstandenen Humanismus. Es liegt eine magische Kraft in seinen Werken, die auch von Tod und Leben, von der Zeit, von der Überlebenskunst, von Stillstand und Ruhe, von Schamanismus und Ahnenreihe zu sprechen scheinen. In Galeriezusammenhängen wirken seine Objekte zunächst fremd, auch wenn man sich an Steine, Hölzer und andere Naturmaterialien schon lange gewöhnt hat. Carvalhos Objekte vermitteln aber mit ihren Verfremdungen, mit ihrer stillen Monumenta[ität, mit ihrem Wechselspie[ von Volumen und Filigranität sowie mit der Eindringlichkeit der merkwürdigen Zustände der Objekte oftmals heftige Reaktionen wie Wundern, Erschrecken, Zurückweichen, Ablehnen oder auch Neugierde. In seinen Werken entdecken wir eine exotische Sprache, die gleichwohl etwas mitteilt, das auch in unserer Hemisphäre gewußt werden soll und das allgemeingültige Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, wer wohl in ihrem Ambiente exotischer ist: Der Betrachter oder die Werke?