Grenzsignale
Vom Nomadentum, vom Umherstreifen durch die Traditionen, die künstlerischen Epochen und Stile sprach man schon in den 80er Jahren, im damals dominierenden Diskurs der Postmoderne und der Posthistoire. Schichtenweise wurden Vergangenheit und Moderne abgetragen und miteinander verknüpft, die Zukunft als Nachgeschichte gedacht und der lineare Fortschrittsgedanke verworfen. Seit dem Fall der Mauer und dem Ende des Ost-West-Konflikts, Anfang der 90er Jahre, hat sich die Vision der Globalisierung durchgesetzt, und mit ihr begann eine bis dahin undenkbare Veränderung der Kunst-Welt. Die westliche Kunstszene öffnete sich fur die zeitgenössische Kunst aus den nicht-westlichen Ländern, nahm mehr denn je die Künstler zur Kenntnis, die in Südamerika, Australien, Asien und Afrika , in der Karibik oder im Vorderen Orient arbeiteten. Man stellte sie auf den großen Manifestationen, den Biennalen und der Dokumenta, vor, beschickte umgekehrt die Biennalen von Istanbul, Sidney und Korea mit der Kunst des Westens, und bis heute ist dieser Prozess einer kulturellen Globalisierung nicht abgeschlossen. Das Resultat war eine Philosophie des Patchworks, der Vermischung, der Cross-Culture, der Hybridisierung, und, nicht zu vergessen, ein neues Nachdenken über den Post-Kolonialismus, seine Ursachen und seine Folgen. Geographische, ideologische und politische Grenzen bleiben, fallen oder werden neuerrichtet. Die geopolitische Weltkarte verändert sich ständig, und Grenzen und Grenzüberschreitungen waren immer und sind auch aktuell ein wesentliches Thema der Kunst. „Grenzsignal“ heißt deshalb auch eine Ausstellung, die der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) vom 13. – 28. November in Santiago de Chile organisiert. In ihr werden die Arbeitsergebnisse eines zehntägigen Produktionsworkshops gezeigt, zu dem zehn ehemalige Stipendiaten aus Südamerika eingeladen worden sind, die alle eine Zeitlang in Deutschland gearbeitet haben. Francisco Klinger Carvalho wird zu diesem Thema einen Raum präsentieren, der aus Zaunlatten konstruiert ist und einem Verschlag ähnelt, in dem die Requisiten eines kleinbürgerlichen Ambientes einsperrt sind. Dieser Raum ist verschlossen und offen zugleich, unzugänglich und dennoch den voyeuristischen Blicken der Betrachter ausgeliefert. Allein die Anwesenheit eines Holzbootes deutet auf den Wunsch hin, aus diesem Milieu auszubrechen.